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Blogs erwiesenermassen journalistischer als manche Online-Zeitung

Über Blogs wird viel geschrieben, wenn der Tag lang ist. Sie seien Spielwiese selbstverliebter Einzelgänger, Boxring frustrierter Meckerer oder Plauderecke nichtszusagenhabender Graumäuse.
 
Doch Blogs können auch Qualitätsjournalismus bieten. Das beweist jetzt eine aktuelle Studie. Empirisch und anhand zahlreicher Kriterien wurden Texte und Themen von Blogs und Online-Zeitungen miteinander verglichen. Am besten schloss der Bildblog ab, am schlechtesten die FAZ und die NZZ.

Kriterien journalistischer Qualität

Journalismus, guter Journalismus ist auch in Blogs möglich.  Das hat Andres Hutter in seiner Lizenziatsarbeit der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich bewiesen. Er untersuchte die journalistischer Qualität in medienkritischen Weblogs und verglich diese mit bekannten Online-Zeitungen.
 
Die journalistische Qualität mass Hutter dabei direkt anhand der einzelnen Texte. Diese Inhaltsanalyse erfasste die Textmerkmale weitgehend objektiv mittels elf Qualitätskriterien:
  1. Aktualität
  2. Transparenz
  3. Objektivität
  4. Vielfalt
  5. Vollständigkeit
  6. Relevanz
  7. Analytische Qualität
  8. Interaktivität
  9. Verständlichkeit
  10. Hypermedialität*
  11. Unterhaltsamkeit
 
* Setzt sich zusammen aus: Multimedialität; wenig Werbung; Zugang; Aktualisierung, Wartung Sicherheit; Verlässlichkeit; Ladezeit, Übertragungsgeschwindigkeit; grafisches Design, Aufbereitung, Strukturierung; Hyperlinks, Vernetzung.

Die Resultate der Studie
Bezogen auf die elf Kriterien schneiden die Blogs insgesamt besser ab als die Online-Zeitungen. Im Einzelnen:
  1. Aktualität in Blogs ist entgegen den Erwartungen höher als bei Online-Zeitungen.
  2. Transparenz ist bei Online-Zeitungen höhre als bei Blogs (Vor allem darauf zurückzuführen, dass bei Online-Zeitungen die Autoren meist eindeutig genannt werden).
  3. Objektivität ist bei Online-Zeitungen höher als bei Blogs (durch die markant häufigere Verwendung von Ironie und Sarkasmus bei den Blogs). Hingegen sind die Werte für Objektivität im Sinne von Meinungs- und Perspektivenvielfalt bei beiden relativ ähnlich.
  4. Entgegen der aufgestellten Hypothese sind die Werte für Vielfalt bei Blogs etwas höher als bei den Online-Zeitungen.
  5. Bei der Vollständigkeit liegen Blogs knapp vor den Online-Zeitungen. So sind zwar die einzelnen Artikel in den Online-Zeitungen deutlich länger, was auf eine tiefere Auseinandersetzung mit den einzelnen Themen hinweist. Hingegen decken die Blogs ein grösseres Themenspektrum ab.
  6. Bei der Relevanz sind die Ergebnisse bei den Weblogs sichtlich höher ausgefallen als bei den Online-Zeitungen.
  7. Die analytische Qualität der untersuchten Weblogs ist deutlich höher ist als diejenige der Online-Zeitungen. Bei den Weblogs sind die Werte insgesamt fast doppelt so hoch wie bei den Online-Zeitungen.
  8. Die Werte für die Interaktivität ist bei den Weblogs im Durchschnitt mehr als doppelt so hoch wie bei den Online-Zeitungen.
  9. Die Verständlichkeit der Texte ist in Blogs leicht höher als in Online-Zeitungen. Am schlechtesten schneiden die NZZ und die FAZ ab.
  10. Die Hypermedialität ist bei Blogs erheblich grösser als bei Online-Zeitungen.
  11. Die Werte bezüglich Unterhaltsamkeit sind bei den Online-Zeitungen insgesamt sehr tief und bei den Weblogs gut fünfmal höher. Dieser Unterschied ist in erster Linie auf die ungleich häufigere Verwendung von Ironie und Polemik in Weblogs zurückzuführen. Ausgewertet wurde neben Ironie/Sarkasmus und Polemik auch die Illustrierung.
Gesamtresultate:
Die Weblogs haben bei neun journalistischen Qualitätskriterien höhere Werte erzielt, die Online-Zeitungen weisen lediglich bei den Dimensionen Transparenz und Objektivität die besseren Werte auf. Die höchsten Gesamtwerte hat das Bildblog erzielt, es folgen Blattkritik und Pendlerblog. Die tiefsten Werte sind bei der NZZ und der Presse zu finden.
 
Die gesamte Studie kann kostenlos als PDF heruntergeladen werden. Sie umfasst insgesamt 147 Seiten, erklärt auch die Herleitung der Thesen und der Beurteilungskriterien und weist auf unzählige weitere Kenntnisse und Thesen zu Weblogs und traditionellen Medien hin. Wer sich für das Thema interessiert, sollte sich die Zeit nehmen, alles zu lesen. Es lohnt sich, auch wenn der Autor ab und zu gar wissenschaftlich wird.